Back to business
Ich habe ein in mir ruhendes Gen wieder wachgeküsst: das Bazar- und Händlergen. Kaufen und verkaufen liegt mir nämlich schon viel länger im Blut als das Storytelling.
Schon als Kind auf dem Schulhof in Teheran habe ich immer alles vercheckt, was nicht niet- und nagelfest war: seltene Comics, Plastikfiguren, halbwüchsige Hühner, Hasenkinder, Kleider. Später in Bielefeld schleppte ich meine Ware auf den Flohmarkt, nahm für einen großen Haufen getragener Klamotten schnell 800 D-Mark ein und verkaufte im Rausch noch den Klappstuhl und die Thermosflasche meiner Mutter. Während die anderen noch geduldig auf Abnehmer für ihre alten Platten warteten, zog ich schon zufrieden mit meinem Kapital für die Chevignon-Lederjacke davon.
Inzwischen habe ich eine neue Institution – wieder sehr erfolgreich! – ins Leben gerufen: den Wardrobe-Bash. Die Idee zu der Wortschöpfung und der Aktion dahinter kam mir letzten Sommer. Es fing damit an, dass alle von der neuen Saison redeten, den neuen Klamotten, die man im Winter brauchen würde. Kleider, Jacken, Mäntel, breite Gürtel, schmale Gürtel, Seidenblusen, Lederröcke, Taschen, Schuhe, Stiefel, Sonnenbrillen, Handschuhe, Schals. Alles neu.
Auch ich hatte im Juni in London zwischen den Unmengen von Sommersachen bei Selfridges’ großartigem Summersale mit spitzen Fingern schon die ersten Teile der New Collection herausgezogen und gekauft. Im Juni! Früher geht es wirklich nicht. Gar nicht zu reden von der Winterware, die ich danach noch überall auf der Welt zusammengerafft habe – außer in Zürich, wo sich alles in den Händen der geschmackfreien Trudie Götz befindet, die schlechter aussucht und teurer anbietet als alle anderen.
Das System bei den Neuzugängen im Kleiderschrank ist einfach: kaufen und reinhängen. Aber was passiert mit den Sachen, die schon dort hängen? Die wir ein paarmal anhatten und die noch tipptopp aussehen? Immer wieder kaufen und dazustopfen finde ich, gelinde gesagt, asozial. Ich sehe das immer wieder bei meinen Freundinnen. Oder bei meinen schlampigen Schwestern. Deren Schränke sind so voll, dass einem schlecht wird. Es sind ja leider nicht die kompletten Balenciaga- Kollektionen 2005 bis 2009, die da hängen. Nein, da stapelt sich einfach alles, was in den letzten Jahren (bei älteren Leserinnen werden es Jahrzehnte sein!) angeschleppt wurde. Meine Freundin Sabine hat zwei Kleiderstangen und einen großen Schrank bis oben gefüllt mit, ich sage mal “Textilien” älteren bis sehr alten Datums. Und natürlich fast nichts anzuziehen. Das sage ich nicht, weil ich eine übersättigte Modekuh bin, sondern weil es wirklich stimmt. Jedes Mal, wenn ich sie besuche, schlage ich vor: Sabine, wollen wir mal deinen Kleiderschrank detoxen? Und sie immer: Oh ja! Aber dann reicht die Zeit doch nicht, und alles bleibt, wie es ist.
Secondhand-Läden sind keine Lösung. Zum einen, weil die meisten Sachen, die den Blick versperren, nicht von einem besonderen Designer sind, sondern von H&M oder Zara. Oder, wie in meinem Fall, billige Highstreet-Mode aus London, die nur teuer aussieht. Zum andern, weil die Boutiquen einem die wirklich teuren Sachen zwar zu guten Preisen abnehmen, sie aber für horrendes Geld wieder anbieten. Wenn ich für ein kaum getragenes 600-Euro- Kleid 150 Euro bekomme (was echt viel ist), dann wird es für 350 Euro weiterverkauft. Das geht gegen meine Robin- Hood-Einstellung.
Hinzu kommt, dass mir vor der Atmosphäre in Secondhand-Läden graust. Egal wie gepflegt und hochklassig der Shop hergerichtet ist: auf den Bügeln hängt getragenes Zeug von Fremden. Früher, als ich noch jung und viel modebesessener war als heute, brachte ich meine teureren Teile zu einem Münchner Geschäft hinter dem Hotel Vier Jahreszeiten. Irgendwann vertraute mir die Besitzerin an, sie habe die Nase voll von dem Gewerbe. Sie sagte verschwörerisch: “Secondhand ist ein Hurenbusiness.” Ich war schockiert. Hurenbusiness?! “Meinen Sie damit, dass in der Branche nur Schlampen arbeiten?” Sie nickte angewidert zu ihrem eigenen Outing.
Seitdem verschenke ich meine Sachen an meine Schwestern oder Freundinnen. Bis letztes Jahr in Zürich. Mein Kleiderschrank ging mir wieder mal auf die Nerven, aber mir fiel niemand ein, dem ich mit einer großzügigen Spende den Tag hätte versüßen können. Denn ich habe ja keine Freundinnen in der Schweiz. Aber ich habe eine Wohnung, in die 200 geladene Leserinnen meiner Kolumnen passen, die sich in vier Stunden über fast den gesamten Inhalt meines Kleiderschranks plus ein paar Kistchen Kosmetik hermachen. Die Idee zu meinem Wardrobe-Bash war geboren!
Schon die erste Privatboutique war ein Riesenspaß. Es ging von 14 bis 18 Uhr, das Mitbringen von Männern, Kindern und Hunden war verboten. Die Nachbarn wunderten sich über die vielen Frauen in Slip und BH auf meinem Balkon, die verschiedene Sachen anprobierten. Um Punkt 18 Uhr war die letzte Leserin mit ihrer Beute draußen, und ich war trotz Dumpingpreisen um ein paar Tausend Franken reicher.
Auf Wardrobe-Bash II vor ein paar Wochen ging es schneller und härter zur Sache. Gefühlte tausend Frauen strömten um Punkt 14 Uhr in meine Wohnung, rafften alles zusammen und ließen mich eine Stunde später völlig verschwitzt und glücklich mit einer großen Kiste Geld zurück. Einige brachten Geschenke mit, Blumen, Pralinen, sogar eine Flasche Champagner. Die erfüllende Befriedigung, die ich noch Tage danach verspürte, möchte ich nicht mehr missen. Seitdem überlege ich, wie ich am schnellsten und günstigsten an adäquate Ware für meine Kundinnen komme: China? Indien? London? Und was aus meinem Wardrobe-Bash wird, wenn ich die Schweiz bald für immer verlasse. Die Schweizerinnen hatten so eine Freude an der Sache! In Deutschland sind alle schon so vollgefressen, da funktioniert mein Robin-Hood-Gedanke nicht. Sollte ich bleiben und in Zürich ein Kaufhaus eröffnen? Trudie Götz das Fürchten lehren? Irgendwie ist Verchecken lustiger als Schreiben
den Laden hinter dem Vier-Jahreszeiten kenne ich auch noch. Da habe ich mal ein Jil Sander-Kostüm gekauft. Es riecht immer so fies in diesen Läden. Geiler Artikel
Hey, Wäis, das ist ja furchtbar!
Ich hab gerade eine Schlechtwetter-was-weiß-ich Depression und hier ist auch alles voll scheisse in D. Mir fällt kein leider kein Trost ein, nur Mitgefühl.
Preppygirl // Aug 11, 2011 at 14:47
Back to business
Ich habe ein in mir ruhendes Gen wieder wachgeküsst: das Bazar- und Händlergen. Kaufen und verkaufen liegt mir nämlich schon viel länger im Blut als das Storytelling.
Schon als Kind auf dem Schulhof in Teheran habe ich immer alles vercheckt, was nicht niet- und nagelfest war: seltene Comics, Plastikfiguren, halbwüchsige Hühner, Hasenkinder, Kleider. Später in Bielefeld schleppte ich meine Ware auf den Flohmarkt, nahm für einen großen Haufen getragener Klamotten schnell 800 D-Mark ein und verkaufte im Rausch noch den Klappstuhl und die Thermosflasche meiner Mutter. Während die anderen noch geduldig auf Abnehmer für ihre alten Platten warteten, zog ich schon zufrieden mit meinem Kapital für die Chevignon-Lederjacke davon.
Inzwischen habe ich eine neue Institution – wieder sehr erfolgreich! – ins Leben gerufen: den Wardrobe-Bash. Die Idee zu der Wortschöpfung und der Aktion dahinter kam mir letzten Sommer. Es fing damit an, dass alle von der neuen Saison redeten, den neuen Klamotten, die man im Winter brauchen würde. Kleider, Jacken, Mäntel, breite Gürtel, schmale Gürtel, Seidenblusen, Lederröcke, Taschen, Schuhe, Stiefel, Sonnenbrillen, Handschuhe, Schals. Alles neu.
Auch ich hatte im Juni in London zwischen den Unmengen von Sommersachen bei Selfridges’ großartigem Summersale mit spitzen Fingern schon die ersten Teile der New Collection herausgezogen und gekauft. Im Juni! Früher geht es wirklich nicht. Gar nicht zu reden von der Winterware, die ich danach noch überall auf der Welt zusammengerafft habe – außer in Zürich, wo sich alles in den Händen der geschmackfreien Trudie Götz befindet, die schlechter aussucht und teurer anbietet als alle anderen.
Das System bei den Neuzugängen im Kleiderschrank ist einfach: kaufen und reinhängen. Aber was passiert mit den Sachen, die schon dort hängen? Die wir ein paarmal anhatten und die noch tipptopp aussehen? Immer wieder kaufen und dazustopfen finde ich, gelinde gesagt, asozial. Ich sehe das immer wieder bei meinen Freundinnen. Oder bei meinen schlampigen Schwestern. Deren Schränke sind so voll, dass einem schlecht wird. Es sind ja leider nicht die kompletten Balenciaga- Kollektionen 2005 bis 2009, die da hängen. Nein, da stapelt sich einfach alles, was in den letzten Jahren (bei älteren Leserinnen werden es Jahrzehnte sein!) angeschleppt wurde. Meine Freundin Sabine hat zwei Kleiderstangen und einen großen Schrank bis oben gefüllt mit, ich sage mal “Textilien” älteren bis sehr alten Datums. Und natürlich fast nichts anzuziehen. Das sage ich nicht, weil ich eine übersättigte Modekuh bin, sondern weil es wirklich stimmt. Jedes Mal, wenn ich sie besuche, schlage ich vor: Sabine, wollen wir mal deinen Kleiderschrank detoxen? Und sie immer: Oh ja! Aber dann reicht die Zeit doch nicht, und alles bleibt, wie es ist.
Secondhand-Läden sind keine Lösung. Zum einen, weil die meisten Sachen, die den Blick versperren, nicht von einem besonderen Designer sind, sondern von H&M oder Zara. Oder, wie in meinem Fall, billige Highstreet-Mode aus London, die nur teuer aussieht. Zum andern, weil die Boutiquen einem die wirklich teuren Sachen zwar zu guten Preisen abnehmen, sie aber für horrendes Geld wieder anbieten. Wenn ich für ein kaum getragenes 600-Euro- Kleid 150 Euro bekomme (was echt viel ist), dann wird es für 350 Euro weiterverkauft. Das geht gegen meine Robin- Hood-Einstellung.
Hinzu kommt, dass mir vor der Atmosphäre in Secondhand-Läden graust. Egal wie gepflegt und hochklassig der Shop hergerichtet ist: auf den Bügeln hängt getragenes Zeug von Fremden. Früher, als ich noch jung und viel modebesessener war als heute, brachte ich meine teureren Teile zu einem Münchner Geschäft hinter dem Hotel Vier Jahreszeiten. Irgendwann vertraute mir die Besitzerin an, sie habe die Nase voll von dem Gewerbe. Sie sagte verschwörerisch: “Secondhand ist ein Hurenbusiness.” Ich war schockiert. Hurenbusiness?! “Meinen Sie damit, dass in der Branche nur Schlampen arbeiten?” Sie nickte angewidert zu ihrem eigenen Outing.
Seitdem verschenke ich meine Sachen an meine Schwestern oder Freundinnen. Bis letztes Jahr in Zürich. Mein Kleiderschrank ging mir wieder mal auf die Nerven, aber mir fiel niemand ein, dem ich mit einer großzügigen Spende den Tag hätte versüßen können. Denn ich habe ja keine Freundinnen in der Schweiz. Aber ich habe eine Wohnung, in die 200 geladene Leserinnen meiner Kolumnen passen, die sich in vier Stunden über fast den gesamten Inhalt meines Kleiderschranks plus ein paar Kistchen Kosmetik hermachen. Die Idee zu meinem Wardrobe-Bash war geboren!
Schon die erste Privatboutique war ein Riesenspaß. Es ging von 14 bis 18 Uhr, das Mitbringen von Männern, Kindern und Hunden war verboten. Die Nachbarn wunderten sich über die vielen Frauen in Slip und BH auf meinem Balkon, die verschiedene Sachen anprobierten. Um Punkt 18 Uhr war die letzte Leserin mit ihrer Beute draußen, und ich war trotz Dumpingpreisen um ein paar Tausend Franken reicher.
Auf Wardrobe-Bash II vor ein paar Wochen ging es schneller und härter zur Sache. Gefühlte tausend Frauen strömten um Punkt 14 Uhr in meine Wohnung, rafften alles zusammen und ließen mich eine Stunde später völlig verschwitzt und glücklich mit einer großen Kiste Geld zurück. Einige brachten Geschenke mit, Blumen, Pralinen, sogar eine Flasche Champagner. Die erfüllende Befriedigung, die ich noch Tage danach verspürte, möchte ich nicht mehr missen. Seitdem überlege ich, wie ich am schnellsten und günstigsten an adäquate Ware für meine Kundinnen komme: China? Indien? London? Und was aus meinem Wardrobe-Bash wird, wenn ich die Schweiz bald für immer verlasse. Die Schweizerinnen hatten so eine Freude an der Sache! In Deutschland sind alle schon so vollgefressen, da funktioniert mein Robin-Hood-Gedanke nicht. Sollte ich bleiben und in Zürich ein Kaufhaus eröffnen? Trudie Götz das Fürchten lehren? Irgendwie ist Verchecken lustiger als Schreiben
Thea // Aug 11, 2011 at 15:14
Herrliche Lektüre! Toll, Daß Du das in den Salon gestellt hast, Preppygirl.
carlotta // Aug 11, 2011 at 15:20
Super! Danke, Preppygirl!
Hippiebraut // Aug 11, 2011 at 20:11
Danke Preppygirl – sehr geiler Text.
@Wäis – Ja, bitte, bleiben und Trudie das Fürchten lehren!!!!
gamine // Aug 11, 2011 at 20:52
haha, an den beitrag kann ich mich bestens erinnern. war der ultra icebreaker…
MyValentine // Aug 11, 2011 at 22:59
Super! Toll! Danke Preppygirl!!
Wanda // Aug 11, 2011 at 23:43
den Laden hinter dem Vier-Jahreszeiten kenne ich auch noch. Da habe ich mal ein Jil Sander-Kostüm gekauft. Es riecht immer so fies in diesen Läden. Geiler Artikel
sensi_sentire // Aug 11, 2011 at 23:50
Very, very cool!!! Danke Preppygirl , für’s posten dieses Artikels – Wäis’ Texte sind so herrlich amüsant:-)
WK // Aug 12, 2011 at 19:11
Danke fürs posten, PG (hast du deine Brille schon??) und danke, Girls.
hab übrigens ne schwere Geburtstagsdepression. Plötzlich voll scheisse, hier auf Ibi und alles.
Thea // Aug 12, 2011 at 19:56
Hey, Wäis, das ist ja furchtbar!
Ich hab gerade eine Schlechtwetter-was-weiß-ich Depression und hier ist auch alles voll scheisse in D. Mir fällt kein leider kein Trost ein, nur Mitgefühl.
WK // Aug 12, 2011 at 20:00
hat wohl was mit dem Vollmond gerade zu tun. hoffe ich.
kann nicht anders sein (wäh)
verena // Aug 12, 2011 at 21:21
oh nein Wäis… aber Kopf hoch, sieht bestimmt bald anders aus!! Geniess deine Zeit auf Ibiza!